Altern wie ein Gentleman

Sven Kuntze

ARD-Auslandskorrespondent, Moderator des Morgenmagazins, Dokumentarfilmer mit ausgeprägtem Gespür für gesellschaftliche Trends: Sven Kuntze war in den letzten zwanzig Jahren eines der bekanntesten deutschen Fernsehgesichter. Rechtzeitig zu seiner Pensionierung hat er vor zwei Jahren ein Buch über das Alter geschrieben. Kuntze, der sich mit Mitte sechzig als ehrenamtlicher Großvater erprobte und für einige Wochen ins Altenheim zog, betrachtet in „Altern wie ein Gentleman“ auf äußerst sensible, teils humorvolle Weise, was das Rentnerdasein für ihn und seine Altersgruppe, die leid- und sorglose Nachkriegsgeneration, bedeutet. Am 23. Januar las er daraus im Literarischen Zentrum Göttingen. Die Lesung war Teil der Veranstaltungsreihe „das Alter in der Literatur“, bei der das Literarische Zentrum Göttingen mit der Göttinger Eva-Meurer-Stiftung und diesem Magazin kooperiert. Robin Kreide sprach mit Sven Kuntze.


Herr Kuntze, kurz bevor Sie siebzig wurden, haben Sie ein Buch über das Alter beziehungsweise das Altwerden geschrieben. War das Buch eine Art Selbstvergewisserung?

Nein, überhaupt nicht. Vor einer Selbstvergewisserung in Bezug auf das Altwerden kann ich nur ausdrücklich abraten. Verdrängen ist viel besser.

Wie kam es dann zu dem Buch?

2008 hatte ich gerade den Dokumentarfilm „Alt sein auf Probe“ fertiggestellt und bei den Dreharbeiten in einem Seniorenheim das Alter in seiner ganzen alltäglichen Grausamkeit kennengelernt. Dann kam ein Verlag auf mich zu und fragte, ob ich nicht auch ein Buch über das Thema schreiben wolle.

Warum beklagen Menschen über 65 nicht viel öfter ihr Schicksal?

Die meisten sind wie ich diszipliniert und jammern nicht. Und es gibt selbstverständlich auch schöne Momente. Die generelle Entwicklung ist doch aber eine Katastrophe. Man kann nur hoffen, das Glück zu haben, einigermaßen bei Gesundheit zu bleiben, oder darauf hoffen, dass es einen möglichst schnell wegputzt. Der medizinische Fortschritt hat jedoch das Leben immer weiter nach hinten heraus verlängert, und dann kann es oft unendlich trübsinnig werden.

Wenn man Sie so reden hört, möchte man Ihr Buch am liebsten gar nicht zur Hand nehmen. Wenn man es aber liest, sieht man, dass Sie darin die schönen Aspekte des Alters keineswegs verschweigen.

Nun ja, niemand will ein ganzes Buch lang von den schlimmen Dingen des Alters lesen. Umgekehrt wollen Sie aber auch kein Buch über das Alter lesen, das behauptet „Bis jetzt war alles schlecht und jetzt wird alles gut.“ Ich habe für meinen Film ja mit vielen Alten geredet und habe nicht einen getroffen, der gesagt hat „Toll, endlich habe ich diese trostlosen 65 Jahre hinter mir und trete ein ins Altersparadies.“  Was einem beim Altwerden hilft, ist die Tatsache, dass man bescheidener wird.

Inwiefern?

Auf einmal kann man vieles nicht mehr so gut wie früher. Man geht z. B. nicht mehr so schnell. Nach und nach kommen immer mehr Einschränkungen. Gleichzeitig hat man aber das Gefühl, dass man bestimmte Dinge gar nicht mehr braucht. „Das brauche ich jetzt nicht mehr“ ist einer der Sätze, die plötzlich auftauchen. Das beobachte ich an mir selbst: Bestimmte Dinge stellt man ein. Ich bin zum Bespiel in den letzten beiden Jahrzehnten viel Inlineskates gelaufen. Irgendwann hab ich mir dann gesagt „Das machst du jetzt einfach nicht mehr.“ Mit ein bisschen Trauer, aber auch mit einer gewissen Einsicht, da man beim Inlineskaten ja hin und wieder unvermeidlich hinfällt. Was ich ebenfalls sein lasse, ist das Skifahren. Vor zwei Jahren habe ich zum letzten Mal im Rahmen eines Drehs auf der Piste gestanden und habe mir gesagt „Ich bin jetzt so lange unverletzt davon gekommen, dass lasse ich jetzt.“
Solche Entscheidungen sind immer mit Trauer oder Abschied verbunden, aber irgendwann denken Sie nicht mehr dran und vergessen es.

Hat das nicht auch etwas mit Weisheit zu tun? Dem Thema „Altersweisheit“ widmen Sie in Ihrem Buch ja etliche Seiten.

Darin zeige ich aber auch, dass es mit der Weisheit nicht so weit her ist, wie oft behauptet wird. Weisheit im Sinne eines Rates von den Alten an die Jungen hat doch heute kaum noch eine Bedeutung. Soll ich einem 16-Jährigen erklären, wie ein Computer funktioniert? Da kenne ich mich doch gar nicht aus. Oder soll ich ihm erzählen, wie wichtig es ist, in die Schule zu gehen? Das sagt ihm auch seine Lehrerin.

Sie gestehen sich und Ihren Altersgenossen aber durchaus Weisheit zu?

Ein Stück Altersweisheit besteht zunächst einmal darin, einfach zu erkennen, dass man nicht mehr jung ist und dass der Wille der Jungen, sich mit den Alten gemein zu machen, begrenzt ist. Da brauche ich ja nur in meine eigene Vergangenheit zu schauen: Bei uns gab es nie einen großen Schulterschluss, sondern nur zeitlich sehr begrenzte zwischenmenschliche Kontakte zwischen Alt und Jung.
Meine Generation aber, die ja nun nicht alt werden will – was sich jedoch nicht verhindern lässt – die würde natürlich, weil sich jeder von uns noch für „saujung“ hält, gerne mit den Jungen weitermachen.

Sie fordern also, die Alten sollten unter sich bleiben?

Nicht nur! Aber wir sollten uns umeinander kümmern. In Zukunft werden viel mehr Menschen als heute allein alt sein und vielleicht pflegebedürftig werden, und nicht jeder kann sich eine private Betreuungskraft leisten. Wir müssen lernen, solidarisch alt zu werden. Wir müssen lernen, uns für unsere Altersgenossen zu öffnen – auch wenn das vielen schwerfällt. Als ich als Korrespondent in Amerika gearbeitet habe, habe ich gesehen, dass so etwas möglich ist. Das schildere ich in meinem Buch.

Herr Kuntze, irgendwie klingt alles, worüber wir bislang im Zusammenhang mit dem Alter gesprochen haben, reichlich deprimierend.

Aber es ist doch die Wahrheit! Dieser Prozess hin zur letzten Minute des Lebens ist nicht schön. Was ist daran schön, wenn die Sinne langsam ihre Funktion verlieren, oder wenn Sie nicht mehr so schnell laufen können wie früher? Dennoch gibt es gibt es glückliche Momente. Man muss sie nur suchen. So entdeckt man viele Kleinigkeiten, an denen man früher achtlos vorbeigegangen ist. Es gibt viele billige Vergnügen und kostenlose Beglückungen. Um sie zu genießen, muss es einem aber gelingen, im Jetzt zu leben. Die Vergangenheit sollte man Vergangenheit sein lassen, und die Zukunft ist ja doch sehr begrenzt.

Was ist in Ihrem Leben ein solcher Glücksmoment?

Ich gärtnere. Aber nur auf meiner Dachterrasse. Ein paar Tomaten, Rosen, Kräuter. Morgens gehe ich dann wie eine Figur auf einem

Spitzweggemälde zu meinen Pflanzen. Ich habe auch Geranien, weil die unheimlich dankbar und robust sind. Anders als meine Rosen. Die sind ständig von irgendetwas befallen. Wie sind Sie als Stadtmensch aufs Gärtnern gekommen?
Ich war nicht immer Stadtmensch. Ich bin ein Weinbauernbub aus dem badischen Durbach. In meiner Jugend in der Nachkriegszeit hatten wir auf dem elterlichen Betrieb nicht nur Wein, sondern auch Kühe, Hühner und haben eigenen Honig produziert. Ich war für die Eier und die Bienen zuständig. Deshalb sind mir heute meine Balkontomaten wichtig.

Was haben Sie noch für Tipps?

Wichtig ist es, die Tage nicht zu vertrödeln. Man sollte den Tagen eine Signatur geben, damit sie nicht zu einem Einheitsbrei werden.

In Ihrem Buch raten Sie aber auch zum Loslassen.

Ja, was den Beruf angeht. Am Tag der Pensionierung sollte man sein Arbeitsleben hinter sich lassen. Das fällt uns Deutschen nicht leicht. Uns steht da unsere protestantische Ethik im Weg. Dieses gedankliche Konstrukt, das der Soziologe Max Weber im 19. Jahrhundert zum ersten Mal so treffend beschrieben hat, sorgt ja während unseres Berufslebens dafür, dass wir Deutschen so arbeitsbesessen sind und dass die Arbeit ein erhebliches Stück unseres Selbstbewusstseins ausmacht. Dabei ist es, wenn wir mal ehrlich sind, doch so: Bis auf wenige Ausnahmen werden wir schon in den letzten Berufsjahren eigentlich gar nicht mehr gebraucht. Wir dienen nur dazu, die Rente zu stabilisieren.

Sie selbst sind aber nicht mit gutem Beispiel vorangegangen, sondern haben gleich nach Ihrer Pensionierung wieder Arbeit bei Ihrer Kollegin Anne Will angenommen.

Das war ein Fehler. Plötzlich hatte ich wieder Konferenzen, Zwänge, Debatten. Nach sechs Wochen habe ich das beendet. Ich hatte lange genug fremdbestimmt gearbeitet.

Und dann?

Wenn man erst einmal losgelassen hat, was nicht einfach ist, gewinnt man eine gewisse Ruhe und Distanz. Wenn man aus dem Beruf heraus ist, wird es deutlich einsamer. Plötzlich sind alle Kolleginnen und Kollegen weg. Und Gärtnern hilft ja leider nicht gegen Einsamkeit. Was hilft, ist an alte Freundschaften, die lange Jahre geruht haben, wieder anzuknüpfen. Ich habe nach meiner Pensionierung zu vielen alten Freunden wieder Kontakt aufgenommen, obwohl wir uns teilweise mehr als zwanzig Jahre lang nicht gesehen hatten. Sofort ist mit vielen wieder eine Bekanntschaft oder Freundschaft entstanden. Dass das möglich ist, liegt daran, dass man, wie viele Untersuchungen zeigen, mit Anfang dreißig eigentlich seine Persönlichkeit entwickelt hat und sich an ihr dann nicht mehr viel ändert. Wenn wir also mit dreißig mit jemandem etwas gemeinsam hatten, dann lässt sich das als verlässliche Basis später
wieder aktivieren.

Wie ist es mit Reisen?

Viele aus meiner Alterskohorte haben ja noch eine ganze Liste an Reisezielen, die sie abarbeiten. So etwas mache ich nicht. Ich fliege bewusst nicht zur Großen Mauer nach China. Sonst steht man dort, schaut sie sich an, dreht sich um, verlässt die Stätte und weiß „Hierhin werde ich nie wieder zurückkehren.“ Das ist ja jedes Mal ein endgültiger Abschied – schrecklich! Ich verzichte daher auch auf die Besteigung der Pyramiden und mache stattdessen lieber kleine Dingen, die ich wiederholen kann.

Und mit dem Glauben?

Ich selbst habe mich vor einigen Jahren intensiv auf die Suche nach Gott begeben und darüber auch einen Film gemacht. Ich war bei meiner Suche aber leider nicht erfolgreich. Ich bin auf einem alten Pilgerpfad gewandert, doch in der Natur habe ich Gott nicht gefunden. Dann habe ich ihn in mir selbst gesucht und war dazu vier Wochen in einem Kloster. Dort habe ich intensiv mit den Mönchen über meine Suche gesprochen. Es hat aber nicht geholfen. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen: Glaube ist einem entweder gegeben, oder nicht. Vielleicht offenbart sich der Herrgott einem einfach irgendwann. Wenn man glaubt, dann ist das mit Blick auf die Zukunft im Alter sicher eine wirkliche Hilfe. 

 

Weitere Informationen zum Buch finden Sie unter der Rubrik Lesen & Hören & Sehen.

 

Foto: Paul Ripke

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