Beeindruckender Klang

Interview zur neuen GSO-CD
Wilhelm Rödding, Maria Sournatcheva und Christoph-Mathias Mueller (v.l.)

 

Vier Oboen-Konzerte von drei russischen Komponisten hat Maria Sournatcheva mit dem Göttinger Symphonie-Orchester (GSO) im letzten Jahr aufgenommen. Im April präsentierte die 28-jährige Russin, die bereits mit 14 Jahren im Rahmen eines Hochbegabten-Stipendiums zum Oboen-Studium in eine Gastfamilie nach Hannover kam, die CD gemeinsam mit GSO-Chefdirigent Christoph-Mathias Mueller und Tonmeister Wilhelm Rödding. Robin Kreide sprach im Anschluss der Veranstaltung mit dem Trio.


Herr Mueller, die CD wurde in der Stadthalle Göttingern aufgenommen. Der Klang des Orchesters und der Oboe sind schlichtweg brillant. Wie haben Sie und Herr Rödding dieses Ergebnis trotz der allseits bekannten akustischen Unzulänglichkeiten der Stadthalle erreicht?
 

Für die Aufnahme wurde die gesamte Bestuhlung entfernt und das Orchester im Zuschauerraum platziert. Außerdem wurden noch einige klangverbessernde Akustikelemente aufgestellt. Wilhelm Rödding ist es dadurch zu meiner großen Freude gelungen, den Klang des Orchesters genau so einzufangen, wie ich ihn vom Pult aus tagtäglich höre. Auf der CD sind also auch die 20 bis 30 Prozent an Brillanz zu hören, die bei unseren Konzerten auf der Bühne der Stadthalle für die Zuhörer leider immer verloren gehen, weil der Raum sie sozusagen wegschluckt.


Frau Sournatcheva, vor der Aufnahme der Oboen-Konzerte haben Sie mit allen drei Komponisten, Valery Kikta, Andrey Rubtsov und Andrey Eshpai, über die Werke, die selten aufgeführt und aufgenommenen werden, gesprochen. Wie kam der Kontakt zustande?


Den 1982 geborenen Andrey Rubtsov kenne ich schon lange, da er fast in meinem Alter ist, und zu den beiden anderen habe ich über einige Umwege Kontakt aufgenommen. Ich konnte auch noch mit dem 90-jährigen Andrey Eshpai vor seinem Tod im letzten Jahr sprechen. Die Gespräche, bei denen mir alle drei viel Vertrauen entgegengebracht haben, haben mir sehr geholfen. Schließlich hatte ich im Vorfeld gehörigen Respekt vor meiner ersten CD-Produktion.


Wie gehen Sie bei anderen Oboen-Konzerten, etwa von Mozart, vor? Mit ihm können Sie ja nicht mehr sprechen. Hören Sie sich dazu Aufnahmen anderer Oboisten an?


S.: Nein, ich versuche ganz bewusst, unvoreingenommen an ein Werk heranzugehen – soweit das bei bekannten Werken wie denen von Mozart überhaupt möglich ist. Erst wenn eine Stelle für mich interpretatorisch unklar ist, höre ich mir Aufnahmen an.


Viele Passagen der vier Oboen-Konzerte stellen extrem hohe körperliche Anforderungen an Sie als Solistin. Waren die Aufnahmen sehr anstrengend?


S.: Als Oboistin bin ich technische Schwierigkeiten leider gewohnt (lacht). Das Instrument erfordert ja wegen seines sehr engen Mundstücks generell sehr viel Lungenkraft. Aber Sie haben Recht, insbesondere einige der langsamen Stellen mit durchgehaltenen Tönen stellen in der Tat eine besondere Herausforderung dar. Auch deshalb, weil man sie, anders als in einem Konzert, bei einer Aufnahme ja mehrmals hintereinander spielen muss. Ich habe diesbezüglich auch mit den Komponisten gesprochen und Andrey Rubtsov etwa hat es mir sozusagen freigestellt, eine dieser extrem langsamen Stellen etwas schneller zu spielen. Am Ende ist es mir aber gelungen, sie im Originaltempo umzusetzen. Das hat mich und ihn gleichermaßen gefreut.


Für jemanden, der nicht Oboe spielen kann, grenzt die besagte Stelle regelrecht an Zauberei: Sie halten die einzelnen Töne nicht nur sehr lange, sondern setzen auch zwischen ihnen nicht ab. Was ist das Geheimnis?


S.: Es gibt für solche Stellen eine besondere Technik, bei der ich gleichzeitig spielen und atmen kann. Ohne diesen Trick wären derartige Tonfolgen in der Tat unspielbar.


Herr Rödding, auch bei der Aufnahme kam eine besondere Technik zum Einsatz.


Ja, wir haben insgesamt 6 Kanäle aufgezeichnet. Wenn Sie die CD in ein entsprechendes Abspielgerät legen, können Sie diese über 6 Lautsprecher auch bei sich zu Hause abspielen. Das ermöglicht mir als Tonmeister, ein sehr natürliches Klangbild einzufangen, das beim Hören eine enorme räumliche Tiefe besitzt. Wenn Sie die Augen schließen, fühlen Sie sich wirklich wie im Konzertsaal! Aber auch auf einem normalen Stereo-CD-Spieler, auf dem dann nur die beiden Stereo-Kanäle abgespielt werden, bin ich von der Einspielung des GSO und von Maria Sournatcheva begeistert.


Herr Mueller, anders als bei Konzerten und Proben gibt es bei den Aufnahmen mit dem Tonmeister noch eine zweite Person, die die Partitur vor sich liegen hat und in gewisser Weise neben Ihnen als Dirigent ebenfalls Regie führt.


Ich bin einer der Dirigenten, die sich grundsätzlich gerne auf die Unterstützung eines Tonmeisters verlassen. Aber natürlich hat diese Zusammenarbeit auch viel mit Vertrauen zu tun. Bei Wilhelm Rödding wusste ich aufgrund von Aufnahmen, die ich von ihm kannte, dass wir ähnliche klangliche und interpretatorische Ziele haben, und hatte daher große Freude an der Zusammenarbeit.


Frau Sournatcheva, Herr Mueller, Sie haben die CD nicht nur in Göttingen, sondern auch in Moskau präsentiert?


Ja, Herr Mueller und ich durften sie vor einem ausgesuchten Kreis der russischen Klassikszene präsentieren. Die CD wurde sehr wohlwollend aufgenommen.


M.: Seit unserer letzten CD mit russischen Trompeten-Konzerten, die wir mit Reinhold Friedrich als Solist aufgenommen haben und die sogar mit einem ECHO ausgezeichnet wurde, ist das GSO dort ohnehin kein Unbekannter mehr. (lacht)


Das GSO hat im letzten Jahr aber nicht nur Werke russischer Komponisten aufgenommen …


M.: Deutschlandradio Kultur hat unsere Aufführung von Claude Debussys Opern nach Edgar Allan Poe mitgeschnitten. Jetzt ist sie auf CD erschienen. Diese weltweit erste Einspielung ist ein unglaublicher Repertoire-Gewinn für uns und trägt gleichzeitig die musikalische Seite Göttingens hoffentlich weit in die Welt hinaus.

 

 

Foto: Privat

 

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