„Den Wandel positiv gestalten“

Regina Meyer und Marcel Riethig

Im Demografiebericht 2014 hat Regina Meyer, die Demografiebeauftragte des Landkreises Göttingen, zusammengetragen, wie es um die Bevölkerungsentwicklung und deren Folgen im Landkreis steht. Der Bericht ist alles andere als eine reine Zahlensammlung. Sein Hauptanliegen ist es, die Herausforderungen des demografischen Wandels zu benennen und Lösungen aufzuzeigen. Wie diese aussehen könnten, schildern im Interview Regina Meyer und Marcel Riethig, der als Kreisrat für die Bereiche Soziales, Jugend und Schule zuständig ist.


Frau Meyer, was kommt mit dem demografischen Wandel konkret
auf den Landkreis zu?

M: Eine aktuelle Studie prognostiziert bis 2025 einen Bevölkerungsrückgang um 8,4 % im Landkreis. Von noch größerer Tragweite als der eigentliche Rückgang ist aber die massive Veränderung in der Altersstruktur der Bevölkerung. So werden im Landkreis die Zahl der 10- bis 18-Jährigen und der 35- bis 50-Jährigen um über 40 % zurückgehen. Die Gruppe der über 80-Jährigen wird hingegen um über 30 % ansteigen.

Herr Riethig, was bedeuten diese Zahlen für die Ressorts, für die Sie zuständig sind?

R: Zunächst einmal müssen wir noch langfristiger planen. Deutlich wird das etwa beim Thema Pflege:  Mit der Zahl der über 80-Jährigen wird der Bedarf an Pflegekräften ansteigen. Um den prognostizierten Bedarf decken zu können, müsste bis in zehn Jahren jeder zweite Schulabgänger und jede zweite Schulabgängerin einen Pflegeberuf ergreifen. Um dies auch nur ansatzweise zu erreichen, müssen wir heute aktiv werden.

Inwieweit können Sie als Landkreis eine solche Entwicklung überhaupt steuern? Schließlich werden Pflegekräfte ja von der Privatwirtschaft ausgebildet?

R: Das stimmt, aber wir können die Rahmenbedingungen verbessern, also etwa mithelfen, das Berufsbild attraktiver zu machen. Dazu können wir die berufsbildenden Schulen entsprechend ausstatten und Initiativen wie die Pflegebörse der Arbeitsagentur unterstützen.

M: Um langfristig planen zu können, sind aber auch genaue Zahlen notwendig. Es wird daher ein sogenanntes Demografiemonitoring geben, das uns in regelmäßigen Abständen mit jeweils aktuellen Zahlen versorgt. Die dafür notwendigen Daten sind zum Teil bereits bei den einzelnen Ämtern vorhanden, sie müssen aber zusammengebracht und gezielt ausgewertet werden.

R: Manche Daten sind auch bei anderen Institutionen vorhanden. Die Kassenärztliche Vereinigung etwa verfügt über für uns wichtige Daten, was die Versorgung mit Hausärzten angeht. Denn wir müssen ja nicht nur wissen, wie viele Ärzte es im Landkreis gibt, sondern auch, welches Einzugsgebiet diese haben.

Wer sind die Akteure, die die Strategien zur Bewältigung des demografischen Wandel umsetzen sollen?

M: Der Demografiebericht macht ganz klar, dass bei der Umsetzung zum einen die Gemeinden mit im Boot sein müssen und dass Veränderungsprozesse auf Dorfebene selbst gestaltet werden müssen.

Die Bürger sollen sich also zusammensetzen und ein paar gute Ideen entwickeln?

M: Es ist klar, dass es bei einem für unseren Landkreis so existenziellen Thema wie dem demografischen Wandel nicht einfach heißen kann:  „Liebe Dörfer, macht mal! Euch wird schon etwas einfallen.“ Es muss Qualifizierungsmaßnahmen geben, damit es in den Dörfern Personen gibt, die das Thema zwar ehrenamtlich, aber dennoch professional geschult anstoßen. Dafür wurde das Konzept der „Dorfmoderation“ entwickelt. Dorfmoderatorinnen und Dorfmoderatoren sollen alle Akteure im Dorf mit Blick auf den demografischen Wandel vernetzen. Dass das gelingt, ist meiner Auffassung nach die entscheidende Voraussetzung dafür, dass wir den Wandel positiv gestalten können.

Besteht nicht die Gefahr, dass Dörfer sich dann gegenseitig Konkurrenz machen?

M: Damit das nicht passiert, müssen die Dörfer miteinander ins Gespräch kommen. Dazu kann es auch auf Ebene der Gemeinden eine Person oder eine Struktur geben, die das fördert. Auch als Landkreis können wir das unterstützen, indem wir noch gezielter Veranstaltungen wie die Reihe „Dörfer im Dialog“ anbieten. In diesem Rahmen können sich die Dörfer darüber austauschen, welche Projekte gut funktionieren und welche eher nicht, und voneinander lernen. Die Dörfer sollen merken, dass sie nicht alleine dastehen. Es muss ein Wir-Gefühl entstehen.

Die Bewältigung des demografischen Wandels ist aber nicht nur mit guten Ideen sondern auch mit finanziellem Aufwand verbunden, oder?

M: Es ist ganz wichtig, dass Mittel für die Umsetzung der entwickelten Ideen zur Verfügung stehen, über die die Kommune bzw. das Dorf selbst verfügen kann. Denn das einzelne Dorf weiß selbst am besten, was es benötigt.

Der demografische Wandel wird in einigen Bereichen auch zu einem Rückbau führen. Wird dies den Bürgern nicht schwer zu vermitteln sein?

R: Wir müssen das Thema Rückbau als gestalterische Frage begreifen und gemeinsam mit den Bürgern die Frage klären: Wo wollen wir am Ende hin? Wollen wir also etwa zwei Schulen mit jeweils wenigen Kindern oder eine Schule mit mehr Kindern, die dafür aber finanziell besser ausgestattet ist? Wichtig ist, dass wir die Bürger immer mit in die Entscheidungen einbeziehen.

Welche weiteren wichtigen Aussagen enthält der Bericht aus Ihrer Sicht?

R: Er zeigt noch einmal deutlich, dass wir im Landkreis bereits einen Leerstand bei Immobilien haben, während die Stadt Göttingen aus allen Nähten platzt und dort Wohnraum fehlt. Es kann natürlich nicht darum gehen, den kompletten Leerstand im Landkreis mit Wohnungssuchenden aus Göttingen zu füllen, aber wir müssen das Wohnen auf dem Dorf im Umkreis von Göttingen so attraktiv wie möglich machen. Was der Bericht ebenfalls deutlich macht, ist, dass die Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement bei Menschen über 60 extrem hoch ist und dass dieses Potenzial bei Weitem noch nicht ausgeschöpft wird. Wir müssen daher sicherstellen, dass die, die sich engagieren wollen, das auch tun können. Etwa als Dorfmoderator oder Dorfmoderatorin.   

Foto: Robin Kreide

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