Lob für Lotario

Laurence Cummings

 

Seit 2012 ist Laurence Cummings Künstlerischer Leiter der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen. Neben zahlreichen weiteren Funktionen als Dirigent und Solist rund um Händel und Barockmusik kümmert er sich als Leiter des Bereichs Historische Auffühungspraxis an der Royal Academy of Music in London auch um den Nachwuchs. Über die kommende Festspiel-Saison in Göttingen und die weltweit stetig wachsende Popularität Händels sprach Robin Kreide mit ihm. 

 

Herr Cummings, die in diesem Jahr aufgeführte Oper Lotario ist eine der am wenigsten bekannten Opern Händels. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Auf keinen Fall an ihrer Qualität: Die Dramaturgie ist erstklassig, musikalisch gehört die Oper aus meiner Sicht mit zu den besten Werken Händels, und auch die Charaktere sind spannend. Die Figur des Lotario hat sogar das Zeug zu einem echten Publikumsliebling. Ich finde, die Oper wird zu Unrecht von anderen Werken überschattet.


Sie sind also ein echter Lotario-Fan …

Ja, denn man hört, dass Händel in ihrer Entstehungszeit eindeutig auf dem
Höhepunkt seines musikalischen Schaffens war. Man hat das Gefühl, dass er in dieser Periode großartige Melodien und Harmoniefolgen geradezu aus dem Ärmel schüttelte.


Wissen Sie bereits, wie Carlos Wagner die Oper in Göttingen als Regisseur inszenieren wird?

Carlos und ich haben bereits ein wenig darüber gesprochen, aber ich würde es ihm überlassen, sein Konzept zu erläutern, schließlich ist er der Regisseur. Nur so viel: Ich schätze seine Inszenierungen sehr und kann daher bereits versprechen, dass es garantiert ein Fest für die Sinne werden wird. Carlos und ich kennen uns schon zwanzig Jahre. 1997 haben wir beim Festival in Aix- en-Provence zusammengearbeitet. Wir waren damals beide als Assistenten an der Produktion beteiligt. Seither planen wir, einmal gemeinsam eine Oper mit ihm als Regisseur und mir als musikalischem Leiter auf die Bühne zu bringen. In diesem Jahr ist es nun so weit.


Welche weiteren Werke werden Sie in diesem Jahr in Göttingen noch dirigieren?
 
Brockes-Passion, ein Oratorium, das Händel auf den vielfach vertonten Text von Barthold Heinrich Brockes geschrieben hat. Das Werk ist nicht zuletzt deshalb besonders, weil es die einzige geistliche Komposition Händels auf einen deutschen Text ist. Bach stützt sich in seiner Johannes-Passion ja auf denselben Text. Händels Version ist sehr viel dramatischer und hat schon fast opernhafte Qualitäten. Ein Besuch des Konzertes lohnt sich!


Sie dirigieren jetzt im sechsten Jahr für die Festspiele das Festspiel-Orchester Göttingen (FOG) und haben ihm sicher nach all der Zeit einen eigenen Stempel aufgedrückt. Wie sieht dieser Ihrer Meinung nach aus?


Sehr viel habe ich, glaube ich, gar nicht verändert. Nicholas McGegan hat mir ein wirklich hervorragendes Orchester übergeben. Was bei mir anders als bei meinem Vorgänger ist, ist, dass ich wirklich alle Werke vom Cembalo aus dirigiere. Ich stehe also nie am Pult. Das verstärkt aus meiner Sicht für den Zuschauer den kammermusikalischen Charakter von Händels barocker Musik. Außerdem genieße ich das Dirigieren einer Aufführung noch viel mehr, wenn ich die Möglichkeit habe, dabei selbst ein Teil des Orchesters zu sein.


Eine Ihrer Besonderheiten ist, dass Sie stärker als viele andere Dirigenten die rhythmischen Aspekte von Händels Musik in den Mittelpunkt stellen ...

Rhythmik ist mir in der Tat sehr wichtig. Ich finde, auf diese Weise wird man dem Komponisten Händel besonders gut gerecht. Außerdem orientiert sich barocke Opernmusik stark an der Tanzmusik ihrer Zeit – bei der Opernproduktion im letzten Jahr hatten wir ja sogar Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne – und daher ist es für mich nur logisch, sich über den Rhythmus bei Händels Werken intensiv Gedanken zu machen.


Wenn es einen Index gäbe, der die Popularität Händels abbildet, wie hätte sich dieser Index in den letzten 10 Jahren entwickelt?

Er würde zeigen, dass die Zahl der Händel-Aufführungen immer weiter gestiegen ist. Giulio Cesare gehört mitt-
lerweile in vielen Opernhäusern zum Standardrepertoire und auch Xerxes und Orlando werden unglaublich oft gespielt. Und dann ist da natürlich der Messias, der noch mal in einer anderen Liga spielt, was die Aufführungshäufigkeit angeht.


Wie konnte dieses Werk eigentlich weltweit eine solche Bekanntheit erlangen? Selbst auf das mittlerweile so allgegenwärtige „Halleluja“ musste die Welt ja erst einmal aufmerksam werden.

Händel hat das Werk noch zu Lebzeiten in der Kapelle eines bekannten Londoner Waisenhauses, im Foundling Hospital, jedes Jahr im Rahmen einer Benefizveranstaltung aufgeführt. Nach seinem Tod wurde diese Tradition bis heute beibehalten. Der Messias war somit, anders als die meisten anderen Werke Händels, nie aus dem kollektiven musikalischen Gedächtnis verschwunden.


Wie steht es mit den rein instrumentalen Werken Händels? Deutet sich dort ebenfalls eine Renaissance an?

Bei den Studierenden, die ich betreue, sind seine kammermusikalischen Werke sehr beliebt. Diese werden daher in Zukunft sicher verstärkt den Weg auf die Konzertbühnen finden. Aber auch bei den Opern gibt es, wie die diesjährige Oper Lotario zeigt, aus meiner Sicht noch einige Schätze, die in den nächsten Jahren gehoben werden müssen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Anton Staeckl 

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