Pflege als Beruf(ung)

Ju-Hyun Sung

 

Die Südkoreanerin Ju-Hyun Sung, die mit 19 Jahren nach Deutschland kam, hat in Göttingen eine Ausbildung zur Altenpflegerin als Klassenbeste absolviert. Von Anfang an war sie von ihrem Beruf und dem deutschen Ausbildungssystem begeistert.




In gewisser Weise bekam Ju-Hyun Sung den Pflegeberuf bereits in die Wiege gelegt: Ihre Eltern arbeiten beide in Südkorea in einem Krankenhaus. „Als Kind habe ich sie oft an ihrer Arbeitsstelle besucht“, sagt die 24-Jährige. Früh sei ihr klar gewesen, dass sie einmal eine ähnliche berufliche Tätigkeit ausüben wolle. Sie begann daher mit 17 eine vierjährige Pflege-Ausbildung in Südkorea, beschloss aber mit 19, zunächst noch ein wenig die Welt kennenzulernen und im Anschluss daran ihre Ausbildung fortzusetzen. Sung nahm an einem Austauschprogramm der International Youth Federation IYF teil, das sie unter anderem nach Deutschland führte.

 
Den Ausschlag dafür, länger in Deutschland zu bleiben, gab die Sprache. „Deutsch gefiel mir so gut, dass ich es selbst gerne sprechen wollte“, erinnert sich die Südkoreanerin. Sie wohnte zunächst bei Gast-
eltern in Göttingen, nahm an Sprachkursen teil und schaute sich gleichzeitig nach Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten um. Auf einer Ausbildungsmesse kam sie in Kontakt mit Pro Seniore, einem Betreiber von bundesweit über einhundert Seniorenwohn- und Pflegeeinrichtungen, und begann kurz danach eine Ausbildung in der Pro Seniore Residenz Friedländer Weg in Göttingen.


Traumberuf
„Wir haben von Anfang an gemerkt, dass der Pflegeberuf genau das Richtige für sie ist“, sagt Tanja Bauer, die Ju-Hyun Sung als sogenannte Praxisanleiterin von Beginn ihrer Ausbildung an begleitet und betreut hat. Beeindruckt war ihr Arbeitgeber auch von den Abschlussnoten von Frau Sung. „Sie hat die Pflegefachschule als Klassenbeste abgeschlossen. Wir sind sehr stolz auf sie“, sagt Carmen Flückiger, die Leiterin der Pro Seniore Residenz Friedländer Weg.


Ju-Hyun Sung gefällt ihre Tätigkeit bis heute sehr gut. Für sie sei es genau die richtige Wahl gewesen. Sie wundert sich daher, dass Deutsche, denen sie erzählt, was sie beruflich macht, oft ein wenig überrascht reagieren. Es kämen dann sofort Fragen, etwa danach, ob der Beruf nicht sehr anstrengend sei oder was sie dazu bewogen habe, sich ausgerechnet für diesen zu entscheiden. Das verwundere sie bis heute: „In Südkorea ist der Pflegeberuf der häufigste Frauenberuf und gesellschaftlich sehr anerkannt. Für viele meiner koreanischen Freundinnen ist es ihr Wunschberuf.“


Anders als in Deutschland findet die Ausbildung in Südkorea an einer Hochschule statt. Es handelt sich um einen einheitlichen Studiengang für alle, die später entweder im Bereich Kranken-,
Alten- oder Kinderpflege arbeiten möchten. Auf die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen beiden Ausbildungssystemen sagt sie: „Im Vergleich gefällt mir das deutsche Ausbildungssystem für den Pflegeberuf besser. Ich finde sehr gut, dass ich hier von Anfang an die Möglichkeit hatte, parallel zur Pflegeschule auch praktisch zu arbeiten, und nicht zunächst nur theoretisches Wissen erwerben konnte.“


Kulturelle Unterschiede
Während ihr die Auseinandersetzung mit den Lerninhalten leicht fiel, musste sie auf der anderen Seite erst lernen, mit einem kulturellen Unterschied umzugehen: „In Korea sind Pflegekräfte im Umgang mit den älteren Menschen sehr zurückhaltend“, sagt Ju-Hyun Sung. „Dies entspricht dem generellen Umgang der südkoreanischen Gesellschaft miteinander, der von durchaus manchmal etwas umständlicher Höflichkeit geprägt ist. Ich musste erst lernen, dass man in Deutschland sehr viel direkter miteinander kommuniziert. Aber Tanja Bauer und meine anderen Kolleginnen haben mir geholfen, in diesem Punkt etwas deutscher zu werden.“


„Am Anfang war Ju-Hyun in der Tat sehr leise und vorsichtig“, erinnert sich die Praxisanleiterin. „Aber sie ist dann recht schnell aufgetaut.“ Für Tanja Bauer war dies kein Problem: „Ich betreue ja immer wieder auch deutsche Auszubildende, die am Anfang eher zurückhaltend sind und erst im Laufe ihrer Ausbildung an Selbstvertrauen gewinnen.“
„Auch unsere Bewohnerinnen und Bewohner konnten gut damit umgehen“, weiß Residenzberaterin Andrea Arend aus zahlreichen Gesprächen mit diesen sowie deren Angehörigen: „Alle haben diesen kleinen kulturellen Unterschied als solchen verstanden und sich auf Frau Sung eingestellt.“


„Unterschätzen darf man Ju-Hyun übrigens aufgrund ihrer manchmal immer noch spürbaren Zurückhaltung übrigens nicht“, betont Carmen Flückiger. „Nicht nur fachlich ist sie hervorragend. Sie engagiert sich auch neben ihrem Beruf, etwa bei der Organisation Ärzte ohne Grenzen.“


Außer kulturellen Unterschieden musste Ju-Hyun Sung selbstverständlich auch die neue Sprache meistern. „Die grammatikalischen Besonderheiten des Deutschen, wie etwa den Akkusativ, den ich bis heute immer noch ein wenig kurios finde, habe ich recht schnell gemeistert“, sagt sie schmunzelnd. „Viel schwieriger war es für mich am Anfang, alle Bewohnerinnen und Bewohner zu verstehen. Insbesondere dann, wenn krankheitsbedingt Sprachstörungen hinzu-
kamen. Ich hatte dann Tanja Bauer oder eine andere Kollegin an meiner Seite, die für mich sozusagen als Dolmetscherin gearbeitet hat. Mit der Zeit habe ich mich aber in dieses besondere Deutsch hineingehört.“


Als Nächstes will Ju-Hyun Sung eine erste Zusatzausbildung machen. Pro Seniore wird ihr eine Qualifikation zur Praxisanleiterin finanzieren. Mit ihrem hervorragenden Abschluss war darüber hinaus ein Stipendium verbunden. Dieses will sie zu einem späteren Zeitpunkt für eine Fortbildung zur Pflegedienstleiterin nutzen.


Die Frage, ob sie sich vorstellen kann, irgendwann einmal in Südkorea in ihrem Beruf zu arbeiten, verneint sie: „In Korea ist das Berufsumfeld auch heute noch sehr hierarchisch. Ich könnte dort als Pflegefachkraft gegenüber meinen Vorgesetzten keine eigenen Ideen äußern. In Deutschland gefällt mir der kollegiale Umgang auch über Hierarchieebenen hinweg. Außerdem kann man hier Probleme direkt ansprechen. In Korea geht dies nur auf Umwegen. Das kann sehr mühsam sein.“ Auch die Arbeitszeiten seien hierzulande deutlich besser. Während man sich in Südkorea nur einzelne Tage freinehmen könne, freut sie sich über die Möglichkeit, in Deutschland auch einmal ein oder zwei Wochen Ferien am Stück machen zu können.

 


Und auch wenn Göttingen auf sie, die aus der südkoreanischen Millionenmetropole Busan kommt, am Anfang ungewohnt beschaulich wirkte, möchte sie hier bleiben: „Am Anfang war es schon eine Umstellung“, sagt sie. Mittlerweile habe sie sich aber daran gewöhnt. „Außerdem habe ich eine gute Freundin in Berlin. Da fahre ich hin und wieder zum Shoppen hin.“

 

 

 

 

Foto: Robin Kreide

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