Saison mit Singspiel

Im weißen Rössl
Foto der Produktion "Im weißen Rössl"

Die Sommerpause ist vorbei, die Türen des Deutschen Theaters Göttingen (DT) sind wieder geöffnet. Mit Stücken wie „Arisierung“, „Mein Kampf“ oder „Kindheit in der NS-Zeit“ stehen zahlreiche Stücke mit zeitgeschichtlichem Bezug auf dem Spielplan. Ergänzt werden diese durch musikalische Produktionen, Stücke zu Göttingen und mehrere Klassiker. Erich Sidler, Intendant des Deutschen Theaters, sprach mit Vincent Lubbe.


Herr Sidler, warum macht die neue Spielzeit mit dem Singspiel „Im weißen Rössl“ auf?
Eine musikalische Produktion sorgt erfahrungsgemäß immer für ein etwas anderes Publikum. Sie lockt Menschen, die Freude an Musik haben, ins DT. Und wenn dem ein oder anderen dann eine Schauspielerin oder ein Schauspieler besonders gut gefallen hat, sind diese Besucher oft auch an anderen, nicht-musikalischen Stücken mit ihr oder ihm interessiert. Wir sehen musikalische Produktionen als eine Art Türöffner. Schließlich ist es ja eine der Aufgaben eines Stadttheaters, den Menschen der Region viele Wege nach Rom anzubieten.
Warum haben Sie sich für die Bezeichnung Singspiel entschieden?
Das DT ist kein Drei-Sparten-Haus, wir haben also keine Oper. Was wir musikalisch machen, bezeichne ich daher lieber als musikalisches Schauspiel oder eben Singspiel, also ein Schauspiel, bei dem die Musik im wahrsten Sinne des Wortes den Takt für die Inszenierung vorgibt. Gleichzeitig bringt unser Ensemble, das ja ein Schauspielerensemble ist, die Fertigkeit mit, sehr genau an den Figuren zu arbeiten, obwohl sie wie etwa bei „Im weißen Rössl“ teilweise recht plakativ angelegt sind.


In dieser Spielzeit stehen auffällig viele Stücke zu zeitgeschichtlichen Themen auf dem Spielplan. Dürfen wir hier eine leichte Herangehensweise oder eher schwere Kost erwarten?
Wir versuchen natürlich immer, nicht die Totentrompeten auffahren zu lassen, sondern durchaus auch mit einer augenzwinkernden Inszenierung oder mit einem Bezug zum Publikum zu arbeiten. Bei „Arisierung“ etwa, das einen regionalen Bezug zu Göttingen hat, stellt die Autorin Gesine Schmidt, die dazu hier vor Ort viele historische Fakten gesammelt hat, unter anderem die Frage: „Wie hätte ich mich damals verhalten?“


Das Thema von „Peak White“ ist ein für Göttingen sehr naheliegendes. Es geht um Burschenschaften.
Das stimmt. Deshalb handelt es sich auch um eine Auftragsarbeit, die das Theater in Heidelberg, das ja ebenfalls eine Burschenschafts-Hochburg ist, und das DT gemeinsam vergeben haben. Das Stück von Kevin Rittberger spielt allerdings in der Zukunft, in einer Zeit, in der von den Burschenschaften nur noch ein paar Greise übrig geblieben sind. Es geht rückblickend um die Frage, welche Werte, welche Vorstellung von „Deutschtum“ die Burschenschaften denn eigentlich immer verteidigt haben. Anlass, dieses Stück in Auftrag zu geben, waren zunächst weniger die Burschenschaften, sondern eher die kulturellen Verlustängste, die in Deutschland in den letzten Jahren um sich gegriffen haben. Aktuell zeigt sich das ja etwa an der Diskussion um das Burkaverbot.


Auch „Gänseliesel träumt“ hat einen Lokalbezug. Wie kam es zur Idee für dieses Stück?
An der Figur des Gänseliesels hat uns fasziniert, dass es überraschenderweise keine Geschichte zu ihr gibt. Der Autor Jürgen Popig hat daher versucht, ihr eine zu geben, damit Eltern ihren Kindern in der Zukunft die Geschichte vom Gänseliesel erzählen können und alle meinen, sie wäre von den Brüdern Grimm (lacht). Das Gänseliesel ist eine so wunderbare Figur, da wollten wir als Theater einen Beitrag dazu leisten, die Brüder Grimm und das Gänseliesel etwas näher zueinander zu bringen. Hans im Glück kommt in der Geschichte übrigens auch vor.


Mit „Das kleine Pony“ kommt bereits das dritte Stück von Paco Bezerra auf die Bühne des DT. Ist es ähnlich düster wie seine vorigen?
Bezerra hat beim Schreiben des neuen Stücks seine Sicht auf die Welt nicht geändert (schmunzelt). Es ist daher wieder eine ungeschönte Auseinandersetzung mit ihr. Und, anders als es der Titel vermuten lässt, wohl eher kein Kinderstück ...


Dafür aber wieder eine deutsche Uraufführung.
Das stimmt. Wir haben Bezerra für uns entdeckt und liebgewonnen. In Spanien wird er sehr gut gefördert. Wir möchten gerne dazu beitragen, ihn auch in Deutschland bekanntzumachen.


Mit „Antigone“ und „Don Karlos“ kommen zwei Klassiker auf die Bühne. Wie werden diese voraussichtlich inszeniert werden?
Bei „Don Karlos“ haben wir mit Maik Priebe einen Regisseur beauftragt, der bei uns auch „Gas“ inszeniert hat. Er arbeitet sehr psychologisch und setzt sich viel mit Machtgefügen innerhalb von Figurenkonstellationen auseinander. Wir können davon ausgehen, dass wir „Don Carlos“ von ihm nicht als Transfer ins Heute erzählt bekommen, sondern dass das allgemein Menschliche im Vordergrund stehen wird. Maik Priebe wird sicher auch wie immer sehr präzise im Umgang mit der Sprache sein. Das passt, schließlich läuft Schillers Figurenführung stark über die Sprache.
Für „Antigone“ konnten wir Christian Friedel gewinnen, den seine Rolle als Hamlet, also in einer klassischen Männergeschichte, in der deutschsprachigen Theaterszene bekannt gemacht hat. Wir fanden es spannend, ihm nun als Regisseur die Inszenierung einer Frauengeschichte anzuvertrauen.

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Anton Säckl

 

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