Volkskrankheit Rheuma

Rheuma

 

Chronische Schmerzen an Gelenken, Muskeln oder Sehnen quälen allein in Deutschland nach Angaben der Deutschen Rheumaliga rund 20 Millionen Menschen.Betroffen sind Junge und Alte, Frauen und Männer, Kinder und Erwachsene, denn die Erkrankung, im Volksmund „Rheuma“ genannt, kann jeden treffen. Sie ist jedoch nur ein Sammelbegriff für über 100 unterschiedliche Krankheitsbilder, die mit Entzündungen, einer krankhaften Veränderung oder einem Abbau von Körpergewebe einhergehen. Robin Kreide sprach mit Professor Dr. Gerhard Anton Müller, dem Direktor der Klinik für Nephrologie und Rheumatologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), über Therapiemöglichkeiten und die gerade für Rheuma so wichtige richtige Diagnose.


Herr Professor Müller, was können Anzeichen für eine rheumatische Erkrankung sein?
Bei anhaltenden Beschwerden in Gelenken, Muskeln, Sehnen oder gar einer Morgensteifigkeit der Hände sollten Sie sich in Abstimmung mit Ihrem Hausarzt einmal bei einem Rheumatologen vorstellen. Schließlich gilt: Je früher diagnostiziert wird, desto besser kann behandelt werden.

 

Welche Haupttypen rheumatischer Erkrankungen gibt es?
Wir teilen die Erkrankungen des sogenannten rheumatischen Formenkreises grob in vier Gruppen ein: in die entzündlichen Erkrankungen, die degenerativen Erkrankungen, die rheumatischen Symptome, die als Begleiterkrankung auftreten, und die weichteilrheumatischen Erkrankungen. Degenerative und weichteilrheumatische Erkrankungen machen dabei den größten Anteil aus.


Zu den entzündlich-rheumatischen Erkrankungen gehören etwa die Chronische Polyarthritis, aber auch entzündliche Erkrankungen der Wirbelsäule und die Psoriasis-Arthritis. Bei der Chronischen Polyarthritis zerstören Zellen des Immunsystems den Gelenkknorpel, was zu einer schmerzhaften Entzündung und unbehandelt zur Zerstörung des Gelenkes, des Knochens, zu Fehlstellungen und auch zum Abbau der entsprechenden Muskeln führen kann. Die Betroffenen können dann ihre Gelenke nicht mehr richtig benutzen und sind auf Hilfsmittel und auch auf Hilfe angewiesen. Wichtig ist, dass es sich nicht nur um eine Gelenkerkrankung, sondern um eine systemische Erkrankung handelt, die auch andere Organe wie etwa die Augen, das Herz, die Nieren oder den Darm betreffen kann. Heute können wir sie frühzeitig erkennen und mit modernen Medikamenten in der Regel gut behandeln. Wir gehen davon aus, dass ein Teil dieser Erkrankungen, wenn sie frühzeitig erkannt und behandelt werden, sogar ausheilen können. Durch unsere ambulante Tätigkeit und insbesondere durch unsere Rheumatologisch-Immunologische Tagesklinik an der UMG können wir im Regelfall frühzeitig diagnostizieren und eine konsequente Therapie einleiten.

Auch die Spondyloarthritis, der sogenannte Morbus Bechterew, gehört zu den entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Oft beginnt sie in jungen Jahren. Die Betroffenen klagen über unerträgliche Rückenschmerzen, vor allem auch nachts. Sie müssen aufstehen und umhergehen, um die Schmerzen zu lindern. Mithilfe einer modernen Therapie und in Kombination mit physikalischen Maßnahmen lässt sich die Erkrankung aufhalten. Ansonsten werden die Menschen dauerhaft von Schmerzen geplagt, und es droht die Versteifung der Gelenke, vor allem im Bereich der Wirbelsäule.

Die Psoriasis-Arthritis wiederum tritt im Rahmen einer Psoriasis – gemeinhin als Schuppenflechte bekannt – auf. Mit den heutigen Therapiemöglichkeiten, insbesondere mit dem Einsatz der sogenannten Interleukin-17-Antagonisten ist sie in vielen Fällen ausheilbar. Sie zu diagnostizieren ist im Allgemeinen recht einfach. Schwieriger wird es, wenn die Gelenkentzündungen bereits Monate oder Jahre vor den typischen Hauterscheinungen auftreten.

 

Arthrosen, also Gelenkerkrankungen, die durch Knorpelschädigungen eines Gelenkes gekennzeichnet sind, gehören ebenfalls zu den rheumatischen Erkrankungen.
Ja, sie werden in die zweite Gruppe, die der sogenannten degenerativen rheumatischen Erkrankungen, eingeord­net. Meist sind Knie- und Hüftgelenke betroffen. Hier ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Orthopäden, Chirurgen und Rheumatologen entscheidend.

 


Welche Erkrankungen gehören zur dritten Gruppe?
Hierzu rechnet man Beschwerden der Bewegungsorgane, die infolge anderer Krankheiten auftreten. Recht bekannte und weit verbreitete Beispiele sind hier die Osteoporose und die Gicht.
In der vierten Gruppe schließlich fasst man die nicht entzündlichen weichteil-rheumatischen Erkrankungen zusammen. Von ihnen ist faktisch jeder von uns während seines Lebens mindestens einmal betroffen. Sie treten bereits durch Überlastung von Muskeln und Reizung von Sehnen sowie anderen Weichteilgeweben auf. Bekannte Beispiele sind der Tennisellenbogen, eine schmerzende Schulter nach nächtlichem Liegen oder der steife Nacken. Es gibt allerdings auch sehr ausgedehnte Formen des Weichteilrheumatismus, etwa das Fibromyalgie-Syndrom. Es äußerst sich in starken, chronischen Muskelschmerzen in mehreren Körperregionen ohne einen klar erkennbaren Auslöser. Leider ist dieses Krankheitsbild trotz einer großen Zahl von Betroffenen noch immer nicht allzu bekannt.

 

Was weiß man heute über die Ursachen rheumatischer Erkrankungen?
Nehmen wir einmal die Chronische Polyarthritis, die stellvertretend für viele andere entzündlich-rheumatische Erkrankungen steht. Die Forschung geht davon aus, dass bei ihr Autoimmunprozesse, also die Bekämpfung von körpereigenem Gewebe durch das Immunsystem, eine entscheidende Rolle spielen. Was jedoch zu einer derartigen Fehlsteuerung des Immunsystems führt, ist bislang nicht genau geklärt. Vermutlich sind es mehrere Faktoren gemeinsam, darunter eine erbliche Veranlagung. Als exogener Faktor hat auch das Rauchen eine nachgewiesene Bedeutung.

 

2002 wurde das Kooperative Rheumazentrum Göttingen e. V. gegründet, dessen Geschäftsstelle sich in Ihrer Abteilung befindet. Welcher Gedanke stand hinter der Gründung?
Rheumaerkrankungen können sehr komplex sein und bedürfen immer einer interdisziplinären Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche. Daher sind im Rheumazentrum neben Rheumatologen etwa auch Orthopäden, Dermatologen, Radiologen, Psychologen, verschiedene Akutkrankenhäuser, Rehabilitationskliniken und niedergelassene Ärzte angesiedelt. Außerdem führt die Bündelung rheumatologischer Fachkompetenz in einem Zentrum dazu, dass wir hier auch sehr seltene rheumatologische Erkrankungen behandeln und beson­ders anspruchsvolle Therapien durchführen können.

 

Ist auch bei der Rehabi­litation ein interdisziplinäres Konzept wichtig?
Absolut. So wirken etwa in den Balzerborn Kliniken in Bad Sooden-Allendorf, die ich als ärztlicher Direktor ebenfalls leite, in der Rehabilitation sowohl Rheumatologen, Orthopäden, Physiotherapeuten, Ernährungsberater und andere Fachdisziplinen zusammen. Die Ergo- und Physiotherapeuten helfen dem Patienten, das Zurechtkommen trotz möglicher Einschränkungen im Alltag zu erlernen. Ebenfalls sehr wichtig sind Psychologen, denn viele langjährige Rheumapatienten leiden auch seelisch stark – sei es durch chronische Schmerzen oder durch die permanente körperliche Leistungsschwäche bedingt. Auch die für andere sichtbaren Veränderungen des eigenen Körpers wie geschwollene oder verkrüppelte Hände, ein Rundrücken oder eine Schuppenflechte können sehr belastend sein, ebenso wie eine leider oft notwendige Frühverrentung der Betroffenen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Gemeinfrei nach Creative Commons CC0

 

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