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Genaue Diagnose bei Demenz ist wichtig

Prof. Dr. Inga Zerr

 

Prof. Dr. Inga Zerr leitet die Demenzambulanz der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Im Gespräch mit Robin Kreide erläutert sie, wie sie und ihre Kolleginnen und Kollegen bei der Diagnose einer Demenz vorgehen.



Frau Prof. Zerr, was sind die ersten Schritte, die Sie unternehmen, wenn ich als Betroffener in die Demenzambulanz der UMG komme?


Zunächst müssen wir abklären, ob es sich in Ihrem Fall überhaupt um eine Erkrankung handelt. Nicht selten sind die wahrgenommenen Konzentrations- und Gedächtnisstörungen nicht organisch bedingt, sondern auf Stress oder eine veränderte Lebensführung zurückzuführen. Wenn Sie, etwa weil Sie Rückenbeschwerden haben oder sich tagsüber nicht ausreichend bewegen, nur noch vier Stunden pro Nacht schlafen, können sich irgendwann Gedächtnisstörungen einstellen. Gerade im fortgeschrittenen Lebensalter kann das Gehirn einen derartigen Schlafmangel schlechter kompensieren als in jungen Jahren. Für die Betroffenen fühlt sich das dann an, als ob sie eine dementielle Erkrankung hätten. Auch eine Depression kann sich ähnlich wie eine beginnende Demenz äußern. All dies klären wir daher zunächst ab.


Wie geht es weiter, wenn erkennbar ist, dass eine organische Störung vorliegt?


Da es verschiedene Arten von Demenz gibt, setzen wir spezielle neuropsychologische Tests ein, um ein klareres Bild davon zu bekommen, welche Demenz im konkreten Fall vorliegt. Äußern sich die Symptome eher im Bereich des Kurzzeitgedächtnisses, sind die Orientierung, die Merkfähigkeit oder das Erkennen räumlicher Zusammenhänge betroffen, oder ist in erster Linie die Verarbeitung von Informationen eingeschränkt? Ist nur das Gedächtnis oder sind auch andere Bereiche des Gehirns betroffen? Hat der Betroffene Lähmungserscheinungen? Wenn all diese Fragen abgeklärt sind, wissen wir genauer, um welche Art der Demenz es sich handeln könnte.  


Welche körperlichem Untersuchungen werden durchgeführt?


Zum einen nutzen wir bildgebende Verfahren, wie etwa den Kernspin-Tomografen, um herauszufinden, welche Areale des Gehirns betroffen sind, aber auch um auszuschließen, dass etwa ein Tumor die kognitiven Störungen auslöst. Zum anderen untersuchen wir in bestimmten Fällen das Nervenwasser der Betroffenen. Dies ist immer dann notwendig, wenn der Verdacht besteht, dass die kognitiven Symptome auf eine Entzündung zurückzuführen sind. Eine Blutuntersuchung wiederum kann darüber Auskunft geben, ob die Beschwerden durch einen Vitamin-B-12-Mangel ausgelöst werden.


Welche medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten gibt es?


Die häufigste Demenzerkrankung, die Alzheimer-Demenz, ist gekennzeichnet durch den Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten, dessen Ursache wir heute noch nicht kennen. Hier kann im Anfangsstadium ein sogenanntes Anti-Dementivum das Fortschreiten der Krankheit zunächst etwas verlangsamen.
Die zweithäufigste dementielle Erkrankung ist die vaskuläre Demenz. Bei ihr ist es in Folge von Durchblutungsstörungen des Gehirns zu einem Absterben von Nervenzellen gekommen. Vom Ausmaß der Durchblutungsstörung ist es abhängig, wie ausgeprägt die Schädigung des Gehirns ist. Bei einer vaskulären Demenz gilt es zu verhindern, dass es erneut zu Durchblutungsstörungen kommt. Daher müssen etwa ein Diabetes gut eingestellt oder erhöhte Blutfettwerte gesenkt werden. Oft liegt auch eine Mischform aus einer vaskulären und einer Alzheimer-Demenz vor.


Was empfehlen Sie Patienten neben einer medikamentösen Therapie?


Regelmäßiges Ausdauertraining wie etwa ein täglicher Spaziergang von einer halben Stunde ist wichtig, weil die Bewegung das Gehirn fordert und somit helfen kann, ein Voranschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Auch soziale Interaktion ist sehr wichtig, da sie ebenfalls das Gehirn fordert.


Immer wieder wird auch Tanzen empfohlen …


Dass viele Studien Tanzen eine positive Wirkung bescheinigen, liegt daran, dass hier Bewegung und soziale Interaktion zusammenkommen. Das Gehirn wird also sozusagen doppelt gefordert. Diejenigen, die immer schon gerne getanzt haben, sollten sich diese Besonderheit ruhig zunutze machen.  


Wie sieht es mit Gedächtnistraining und Ähnlichem aus?


Es schadet zumindest nicht. Allerdings ist das Beste für einen Demenz-Patienten die soziale Interaktion. In der Praxis lässt sich diese jedoch gar nicht so einfach herstellen: Gerade zu Beginn der Krankheit ziehen sich viele Betroffene aus Scham aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Wer sich aber in seinen eigenen vier Wänden einigelt oder die Tage vor dem Fernseher verbringt, unterfordert sein Gehirn und kann dadurch den Verlauf der Krankheit negativ beeinflussen.


Wie geht es weiter, nachdem in der Demenzambulanz eine Diagnose gestellt wurde und Sie eine Therapie-
empfehlung gegeben haben?


Dies ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Wer von weiter weg zu uns kommt, wird meist eine weitere Betreuung durch einen Neurologen in seiner Nähe oder seinen Hausarzt wünschen. Wer aus der näheren Umgebung kommt, kann auch von uns im weiteren Verlauf der Krankheit betreut werden. Außerdem beraten wir Betroffene und ihre Angehörigen etwa zu der Frage, welche Möglichkeiten der Betreuung, seien sie nun ambulant oder stationär, es bei einem weiteren Voranschreiten der Krankheit gibt.

 

 

 



 

 

Foto Teaser und Artikel: UMG/Kimmel

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