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Herz-Forschung für Patienten

Herz-Forschungsgebäudes der Universitätsmedizin Göttingen

 

Im September wurde das neue Herz-Forschungsgebäudes der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) eröffnet. Hier arbeiten Forschergruppen des Herzforschungszentrums Göttingen (HRCG) und des Göttinger Standorts des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) zusammen. Die Forscherinnen und Forscher entwickeln neue Diagnosetechniken und Behandlungsverfahren. Ausdrückliches Ziel dabei ist es, die Resultate möglichst schnell in erste klinische Studien und schließlich zu den Patientinnen und Patienten zu bringen. Robin Kreide sprach mit Professor Dr. Gerd Hasenfuß, der die Forschungen im neuen Gebäude koordiniert, über inhaltliche Schwerpunkte und deren zukünftige Bedeutung für Herzpatientinnen und Herzpatienten.




Herr Professor Hasenfuß, wenn man sich mit Herzpatienten aus dem Bekannten- oder Verwandtenkreis unterhält, bekommt man den Eindruck, das Herz sei eines der Organe, bei dem in den letzten Jahrzehnten sehr große medizinische Fortschritte gemacht wurden. Es ist beeindruckend, was heutzutage alles möglich ist. Wo besteht akut noch Forschungsbedarf?


Den Eindruck, den Sie beschreiben, kann ich sehr gut nachvollziehen. Er rührt daher, dass es bei der Diagnose und Behandlung von akuten Erkrankungen wie dem Herzinfarkt in der Tat enorme Fortschritte gegeben hat. So lässt sich etwa ein Herzinfarkt heute in den meisten Fällen sehr gut behandeln. Neue Erkenntnisse wünschen wir uns im Moment jedoch etwa auf dem Gebiet der Herzmuskelschwäche oder den häufig gemeinsam damit auftretenden Herzrhythmusstörungen. Zu beidem wird im neuen Herz-Forschungsgebäude gearbeitet.



Weshalb widmet sich die Forschung nun verstärkt diesen Themen?



Zum einen stehen uns seit einigen Jahren verbesserte Mikroskoptechniken und neue bildgebende Verfahren und Forschungsmethoden zur Verfügung. Zum anderen ist die Herzmuskelschwäche angesichts einer alternden Bevölkerung in den letzten Jahren stärker in den Fokus gerückt. Wenn die Zahl der über 80-Jährigen zunimmt, steigt die Zahl der Menschen mit eben diesen Beschwerden, denn bei der Herzmuskelschwäche handelt es sich in aller Regel um eine Krankheit des höheren Alters.
Aus Sicht der Medizin ist es zudem äußerst sinnvoll, sich diesem Krankheitsbild zu widmen, da das Herz mit vielen anderen Organen, wie etwa der Niere, aber auch dem Gehirn interagiert. Das heißt, wenn wir Herzerkrankungen besser verstehen, können wir mit diesen Erkenntnissen möglicherweise auch kognitive Einschränkungen wie eine Demenz verbessern.



Was ermöglichen die verbesserten bildgebenden Verfahren?



Im neuen Gebäude setzen wir zum Beispiel zwei der von Nobelpreisträger Stefan Hell entwickelten sogenannten STED- Mikroskope ein. Mit ihnen können wir so kleine Gewebestrukturen wie niemals zuvor untersuchen.



Welche Erkenntnisse haben sich aus diesem „neuen Blick“ auf das Herz bislang ergeben?



Wir konnten eine Struktur identifizieren, die für die Signalübertragung in der Herzmuskelzelle zuständig ist, und haben gesehen, dass diese Struktur bei einer Herzmuskelschwäche gestört ist. Das ist eine Erkenntnis, die wir für die Suche nach neuen Therapieansätzen für die Krankheit nutzen können.


Arbeiten Sie im neuen Gebäude auch mit Patientinnen und Patienten?



Nein, hier wird ausschließlich an Gewebe und Zellen geforscht. Gleichwohl handelt es sich immer um Forschung, die unmittelbar zu neuen Therapiemethoden führen soll. Im Englischen gibt es für diese Art der Forschung den schönen Begriff „from bed, to bench, to bedside“: Man schaut sich zunächst an, welchen Bedarf es im Therapiealltag gibt (bed). Dann wird am Labortisch hierzu geforscht (bench), und diese Erkenntnisse werden im Anschluss bei der Behandlung in der Praxis genutzt (bedside).
Ein gutes Beispiel ist etwa unsere Forschung im Bereich der sogenannten Niedrigenergie-Defibrillation: Aktuell bekommen Herzpatienten, bei denen immer wieder lebensbedrohliche Rhythmusstörungen zu erwarten sind, oft einen Defibrillator implantiert. Kommt es bei ihnen nun zu Kammerflimmern, wird am Defibrillator automatisch ein äußerst schmerzhafter, aber lebensrettender Stromimpuls ausgelöst. Für viele Patienten ist das Erleben eines solchen Stromstoßes eine traumatische Erfahrung. In der Therapiepraxis wird also aktuell eine alternative Technik benötigt. Das Niedrigenergie-Stimulationsverfahren, an dem wir aktuell forschen, könnte eine solche darstellen. Bei diesem Verfahren liegt der Impuls, der ausgelöst wird, unterhalb der Schmerzgrenze, hat aber denselben lebensrettenden Effekt wie ein klassischer Defibrillator.



Bereits seit Jahrzehnten werden Herzrhythmusstörungen erfolgreich behandelt, etwa mit Herzschrittmachern. Dennoch gibt dieses Krankheits­bild Medizinerinnen und Medizinern nach wie vor viele Rätsel auf.  Auch dazu wird aktuell in Göttingen geforscht.



In einigen Bereichen müssen wir Herzrhythmusstörungen in der Tat noch genauer verstehen. Eines unserer Forschungsteams untersucht zum Beispiel mit einem speziellen Ultraschallverfahren, wie sich elektrische Erregung im Herzmuskel ausbreitet.
Bei den Herzrhythmusstörungen arbeiten wir außerdem an der Verfeinerung von Therapieverfahren. In vielen Fällen ist die gezielte Verödung bestimmter Gewebeareale aktuell ein wichtiges Mittel bei der Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Die Verödung erfolgt heutzutage mithilfe eines Herzkatheters unter Röntgenkontrolle. Wir arbeiten nun an einem Verfahren, bei dem die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt den Eingriff mithilfe eines Magnetresonanzscanners und nicht mehr per Röntgengerät verfolgt. Dies hat den Vorteil, dass die Verödung der Rhythmusstörung sich sehr viel genauer kontrollieren lässt und somit viel gezielter erfolgen kann. Bislang musste der Eingriff in vielen Fällen mehrmals unternommen werden, bis das gewünschte Ergebnis erreicht war. Mit dem neuen Verfahren soll dies bereits beim ersten Mal gelingen.



Sie forschen auch an der Nachzüchtung von Herzmuskelgewebe.



Ja, auch hieraus wollen wir neue Therapieansätze entwickeln. Die heutige Therapie mit Spenderorganen oder künstlichen Herzklappen ist zwar recht weit entwickelt. Wenn wir aber in Zukunft in diesen Fällen nachgezüchtetes und damit körpereigenes Gewebe einsetzen könnten, wäre das ein Quantensprung für die Patientinnen und Patienten.



Inwieweit trägt auch die Struktur des DZHK dazu bei, dass Forschungsergebnisse aus Göttingen möglichst schnell den Weg zum Patienten finden?



Das DZHK verfügt deutschlandweit über 7 Standorte, an denen geforscht wird. Kommt ein Forschungsprojekt eines Standorts in die Phase, in der, anschließend an die Arbeit im Labor, eine Patientenstudie notwendig wird, so kann diese an allen Standorten des DZHK gleichzeitig durchgeführt werden. Dies erhöht die Effizienz der Studie und sorgt dafür, dass neue Behandlungsmethoden am Ende schneller beim Patienten eingesetzt werden können. Wenn ein DZHK-Projekt dann weiter voranschreitet, kann das DZHK zudem sogenannte leitlinienrelevante Studien dazu durchführen, also jene Studien, deren Ergebnisse in die Behandlungs-Leitlinien der deutschen Ärztinnen und Ärzte einfließen.

 

 

 

 

Foto: Michael Mehle

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